Mensch.

Wort.

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Bild H.Ö.
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Zu spät.

Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Ich wusste nicht, wann ich angefangen hatte, die leeren Straßen zu beobachten und nach ihr Ausschau zu halten. Ich wusste nur, dass, je dunkler es am Himmel wurde, wieder ein Tag vergangen war, an dem ich mich mit meinen Hoffnungen auf dem Treppenabsatz vor ihrer Türe niedergelassen hatte.

Meine Gedanken kreisten immer wieder um unsere erste Begegnung, um unseren ersten Kuss, um unsere erste Berührung.
Die Berührung, die nicht nur sie, sondern mich und mein Leben verändert hatte,
für die ich mehr als nur die Sprache neu erfinden musste, um mich wiedergeben zu können.

Und jetzt schien diese wundervolle Erfahrung ein Teil meines Lebens zu sein, was ich entweder geträumt zu haben schien oder für immer verloren hatte, denn warum sonst verbrachte ich nach stundenlanger Arbeit meine begrenzte Zeit vor ihrer Türe mit der einzigen Aufgabe, die mir mehr als sinnvoll im Augenblick zu sein schien, nämlich zu warten, auf die Liebe und Leidenschaft meines Lebens?

Jeden Tag nahm ich jede Einzelheit ihrer Straße in mich auf, die Bäume, die den Straßenrand zur ihrer Haustüre schmückten und die träge mit dem Wind eine leise rauschende Sinfonie wiedergaben und jeden Passanten dadurch zu begrüßen schienen, die unachtsam ihren Weg gingen, ohne die Schönheit des Naturspieles wahrgenommen zu haben.
Den Obsthändler, der seine Freude darin fand, jedes Obst in die Hand zu nehmen und dieses mit dem Tuch, welches in seiner Schürze steckte, sauber zu machen und zu polieren, bevor er in seinen Laden verschwand, das kleine Mädchen, das wie ich zwei Türen weiter, jeden Tag um die gleiche Uhrzeit auf dem Treppenabsatz saß und darauf hoffte, dass die Mama oder der Papa heute einmal früher nach Hause kämen als üblich.
All das waren die Eindrücke der vergangenen Tage, die sich in meiner Erinnerung eingenistet hatten und die eine Quelle an Nahrung boten, die meine Hoffnung und meine Zielstrebigkeit nährten.

Was war geschehen, dass es so weit kommen musste? Diese Frage beschäftigte mich immer wieder, manchmal mit einer Heftigkeit, die mich den Schmerz meiner Seele spüren ließ.

Ich kannte die Antwort nicht. Sie, die es mir hätte sagen können, war gegangen, ohne mir einen Hinweis auf ihren Weg zu geben.

Was also blieb mir anderes übrig als zu warten und in Gedanken immer wieder die letzten Sätze, die letzte Geste, den letzten Augenaufschlag Revue passieren zu lassen, in der Hoffnung, eine Mitteilung darin zu entdecken, welche mir vielleicht zu Anfang nicht deutlich genug erschien – vielleicht sogar entgangen war?

Fündig wurde ich trotz Anstrengung nicht, weder eine Aussage, noch die Umarmung, die wir uns gaben, um uns am Abend zum Essen zu sehen, hatte verraten, dass es die letzte Zärtlichkeit zwischen uns gewesen sein sollte.
Ich hatte umsonst gewartet, denn sie war nicht erschienen.

Ich sah nur ihren Rücken vor meinem geistigen Auge, als sie durch meine Bürotüre gegangen war. Ich hatte ihr lange nachgeblickt und das Gefühl, dass ich empfand, war zu vergleichen mit Stolz und einem Hauch von Egoismus, das Wissen, diese Frau zu begehren und zu besitzen, vielleicht deswegen, oder gerade deshalb hatte ich es nicht wahrhaben wollen, als meine innere Stimme mich gerügt hatte, dass ich von niemandem Besitz nehmen konnte, ohne ebenfalls zu geben und besetzbar zu sein.

Wie schnell hatte ich diese innere Stimme ermahnt und es zum Verstummen gebracht, wie schnell hatte ich mich an meinen Arbeitstisch gesetzt und angefangen, über Zahlen und Kalkulationen nachzudenken, zu funktionieren, ohne Raum für die Wahrheit in mir und um mich herum zu lassen.

Ihre Wahrheit kannte ich nicht, sondern nur meine, und diese war die Tatsache, dass ich von dieser Frau beflügelt war, durch ihre Schönheit, ihren Humor, ihrem Wesen. Sie, die Erfüllung jeglicher Leidenschaft zu sein schien, und die Hauptrolle in dem Jetzt meiner Fantasie besetzte.

Zu dem Zeitpunkt hätte ich nie zugegeben, wie sehr ich sie liebte, wie sehr sie in der kurzen Zeit unseres Zusammenseins meine Welt für mich geworden war, mein Glück, meine Inspiration.
Meine Unfähigkeit, mir selbst und ihr das einzugestehen, erfüllte mich mit einer Traurigkeit, die mich mit der Kälte auf dem Treppenabsatz heimsuchte und mich erzittern ließ.
Vielleicht hätte ich mich bemühen sollen, ihre Wahrheit zu hören.
Es schien zu spät für diese Einsicht zu sein.

Langsam beschloss ich aufzustehen. Ich fror und fühlte mich ausgelaugt und müde. Es war ziemlich dunkel am Himmel. Es schien, als seien die Tage inzwischen noch kürzer geworden zu sein, als es ohnehin in der Herbst-Winter-Zeit der Fall war.

In meinem ganzen Gedankentumult hatte ich nicht mal bemerkt, dass das kleine Mädchen inzwischen in der Wärme saß. Es beruhigte mich zu wissen, dass eine von uns beiden nicht umsonst gewartet hatte.

Mit langsamen Schritten entfernte ich mich von ihrer Haustüre und bog in die Straße ein. In Gedanken versunken und mit einer innerlichen Aufgewühltheit, dass wieder ein Tag vergangen war, ohne einen Schritt vorangekommen zu sein, spürte ich, wie heiße Tränen über meine Wangen liefen.

Ob ich morgen wieder auf sie warten würde?
„Wahrscheinlich ja“, sagte ich in Gedanken zu mir.
Mein Herz dagegen sprach nicht.





© Alma September 

 

 

 

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