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Verstehen ist nicht gleich Verstehen

 



 

 

Wer auf das Recht von Liebe in Freiheit hofft, wird diese in einigen Fällen weder
erkennen noch finden.
Das ist die Grundregel, wenn es um die muslimisch lesbische Liebe geht.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich in den vergangenen Jahren vielen
deutschen Lesben begegnen durfte, die ihre teilweise abstrakte und doch sehr
persönliche Art von Weltanschauung hatten, was muslimische Frauen betraf.
Sicherlich leben wir in einem Land, welches die Meinungsfreiheit als einen Grundsatz
des menschlichen Daseins wiedergibt.
Das Ziel jedes einzelnen, egal welcher ethischen Herkunft, ist es, ein
zufriedenstellendes Leben zu führen, nicht an Armut zu leiden und auf einer Ebene zu
agieren, die sich mit dem kulturellen Gut und der Erziehung vereinbaren lässt.
Durch viele Autoren und berühmte Menschen, hat die Thematik Homosexualität in
Deutschland Gehör gefunden.
In muslimischen Familien bleibt man taub.
Die Liebe, die jeder von uns sucht; diese Einzigartigkeit, die man sich einbildet, finden
zu können, die sogar gefunden wird und jeden noch so skeptischen und
pessimistischen Menschen eines Besseren belehrt, ist die Grundbasis von Beziehungen,
die die Menschen nicht unterscheidet.
Liebe ist unabhängig von einer Orientierung, von der Religion, von der Erziehung.
Letzteres würde ich nicht hundertprozentig unterschreiben, weil genau jene
Erziehung einen Menschen auch daran hindern kann, glücklich zu werden.

Vor wenigen Tagen begegnete ich einer Frau, deren Namen ich in Duygu,was auf
Türkisch “Gefühl“ bedeutet, umgeändert habe, die mir mit Mut und Offenheit ihren
Respekt geäußert hat, weil ich für das, was ich bin und auch liebe, stehe.
Ich nahm mir bewusst die Zeit, um eine Unterhaltung mit ihr zu führen und mir ihre
Geschichte anzuhören.

Eine Lebensgeschichte, die mit 19 Jahren begann, sogar viel früher, wenn man
bedenkt, wie schmerzvoll und voller Sehnsucht diese erzählt wird.
Vor mir saß eine 38 Jährige Frau, die die konservative Erziehung einer türkischen
Familie genossen hat, die egal ,was sie tat, nie ihren Eltern gerecht werden konnte und
letztendlich die Flucht und die Freiheit in einer Ehe sah.
Zu guter Letzt, weil sie den Gefühlen und den Fantasien, die sie Frauen gegenüber
hatte, ein Ende bereiten wollte.
Was misslang.

Etwas schüchtern, fast wehmütig, erzählte Duygu mir, dass sie sich mit Frauen
getroffen, jedoch nie gewagt hatte, diese zu küssen oder weiter zu gehen.ich versuche oder ich möchte Dir beschreiben,wie oder was ich fühle, wenn ich
gegenüber einer Frau sitze,die auch das Verlangen nach mir hat…aber ich einfach
nicht kann…

Auf die Frage, nach dem warum, antwortete sie mir:ich bin eine gute Mutter…eine gut erzogene Tochter…eine sehr anständige Frau
(du weißt ja wie wichtig das bei uns ist)…eine gute Ehefrau, wie es sich gehört…
Nicht einer aus meiner Familie, meinem Umfeld,meiner Freunde käme auf die Idee,ich
wäre lesbisch…
Ich verstand sie.

Die Leere, die sie innerlich empfand, lag wie ein dunkler Schatten auf ihrem Gesicht,
manch einer würde vielleicht an Übermüdung denken, doch die Wahrheit war eine
andere.
Ein Tabuthema ist die Homosexualität in muslimischen Familien nach wie vor, doch
nicht jede lesbisch empfindende und lebende Frau, ist der Gefahr ausgesetzt, ihre
sexuelle Orientierung mit dem Leben zu bezahlen. Ebenso wenig auch ihre Partnerin.
Doch genau diesem Vorurteil begegnet man in der Szene oder in ratsuchenden
Foren leider mehr als oft.

Aussagen wie …aber du bist doch Türkin, wie geht Deine Familie damit um?”
oder man auf die Frage“… bist du denn geoutet?, mit Nein antwortet, sich
rechtfertigen muss, wie man sein lesbischen Dasein lebt, entsprechen der Realität.
Dass durch dieses Verneinen auf unüberlegtes Unverständnis gestoßen wird, ohne zu
wissen, was ein Coming Out auslösen kann und wirklich mit sich bringt, erfordert
mehr Nachdenken und Empathie, als manch ausgesprochenes Vorurteil.
Diese Pauschalisierung findet hier nicht nur den Anfang, sondern auch kein Ende.
Hat eine muslimische Frau den Mut gefasst, zu ihrer Sexualität zu stehen, in erster
Linie vor sich selbst und vielleicht auch vor ihrer Familie, wird sie in unserer
lesbischen Gesellschaft mit großen Augen angeschaut. Und das Gegenüber
verstummt durch Ungläubigkeit.

Dass es auch anders geht, zeigt die Erfahrung von Esra, 24 Jahre. Viele Lesbierinnen
empfinden es sogar für reizvoll, in ihrem Freundeskreis damit zu prahlen, eine
muslimische Frau flachgelegt zu haben, aber eine Beziehung mit dieser eingehen,
wollen sie nicht, denn da taucht plötzlich wieder die Angst vor der Familie auf und
die Flucht wird ergriffen. Dass Esra nicht nur mit den genannten Vorurteilen zu
kämpfen hat, oder mit dem Gewissen ihrer Familie gegenüber, sondern auch mit dem
Gefühl, eine Trophäe zu sein, macht ihre Situation nicht angenehmer.
Manch einer sähe diese Aussage als Provokation, aber die Provokation liegt nicht in
den einzelnen Tatsachen, sondern in der Unfähigkeit, seine Weltanschauung zu
überdenken und offen zu sein für das, was einen selbst ausmacht.
Offen zu sein für sich und das, was um einen passiert.
Lebensansichten und Tabuthemen wirklich ausdiskutieren, ohne mit
klischeehaftem Geplämper voran zu kommen und diese als eigene Meinung
kundzutun.
Frauen leben und lieben die Romantik, sie lieben den Gedankengang, dass Liebe keine
Grenzen und keine Hürden kennt, doch in der Realität hört es genau da auf.
Wenn eine Muslimin, egal wie sehr sie liebt, nicht Hundertprozentig zu der Partnerin
steht, wird die Liebe angezweifelt.
Und die ganze Beziehung in Frage gestellt.
Wir sehen das Theaterstück immer wieder aufs Neue, aber kommen nie auf die Idee,
hinter die Bühne zu treten und die Wirklichkeit anzuschauen.
Nämlich dankbar zu sein, dass die Freiheit, die uns geschenkt wurde, wen oder was
auch immer wir lieben, annehmen zu können und diese auch mit allen Sinnen zu
verinnerlichen.
ENDE. 

 

 

 

Autorin: Alma September/ H.Ö.

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